Blog

Kategorien Blog Navigation Social Media
Border Top

ENRICHMENT – SCHÖNER WOHNEN FÜR PFERDE


GASTBEITRAG von Jenny Pohl / Birkenhof Wölling

enrichment schöner wohnen für pferde

In meinem letzten Blog ging es um die Grundbedürfnisse der Pferde als Basis für eine möglichst artgerechte Haltung. Leider haben selbst ambitionierte Pferdemenschen nicht immer die Möglichkeit ihrem Vierbeiner das Optimum zu bieten. Dabei sind es gerade die kleinen Dinge, die uns Stufe für Stufe die Bedürfnispyramide erklimmen lassen – das lehrt uns das Behavioral Enrichment.

Beim Enrichment oder der Verhaltensanreicherung geht es darum, Tieren, die in Gefangenschaft leben, Beschäftigungsanreize zu bieten, die ihre genetischen Anlagen aktivieren. Sind Körper und Geist beschäftigt, bedeutet das nicht nur einen deutlichen Gewinn für die Lebensqualität, sondern wirkt auch Langeweile und Stereotypien entgegen. 

Um unseren Vierbeinern also arttypisches Verhalten zu ermöglichen und ihnen Abwechslung zu bieten, fangen wir am besten bei der Nahrungsaufnahme an: Eine 24h gefüllte Heuraufe ist eine gute Basis, um dem Dauerfresser Pferd gerecht zu werden. Zwei Raufen oder mehr, möglichst weit voneinander platziert sind allerdings noch besser. Mit verschiedenen Fressplätzen werden die Tiere zum Pendeln angeregt und mehrmals am Tag von einem Platz zum anderen wandern. Heunetze, Durchfressgitter, frei hängende Heu-Toys, zeitgesteuerte Varianten oder das Verteilen vieler kleiner Portionen an verschiedenen Positionen sorgen außerdem für ein langsameres Tempo bei der Nahrungsaufnahme. Je unterschiedlicher und zahlreicher die Fressplätze, desto abwechslungsreicher gestaltet sich das “Slow Food” für Pferde. Zusätzlich zumGrundnahrungsmittel Heu kann man – gerade leichtfuttrigen Tieren – auch gutes Stroh als Alternative anbieten, als Alleinfuttermittel wird es jedoch nicht empfohlen. Für die Gabe von Kraftfutter existieren moderne computergesteuerte Lösungen, die mehrmals am Tag kleine Mengen abgeben und die Pferde so immer wieder zum Besuch der Stationen anregen. AuchLecksteine können als Bewegungsanreiz an verschiedenen Stellen platziert werden und durch clevere Aufhängung oder Einbettung in das natürliche Umfeld zum spannenden Zeitvertreib werden: Baumstämme, Steinhaufen oder -Türme, bei denen man den Inhalt erst entdecken muss, sind letztlich viel interessanter als konventionelle Lösungen mit Wandhalterungen.

Was immer wieder vergessen wird: Pferde zogen ursprünglich nicht nur durch karge Steppenlandschaften, sondern waren mitunter auch in Wäldern heimisch. Gewachsene Baumgruppen mit unempfindlichen Altbeständen vonObstgehölzen, Birken, Weiden, Haselnusssträuchern… bieten deshalb auch unseren domestizierten Tieren eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan. Selbst wenn man den Genuss von Hölzern “direkt vom Baum” auf den Weide- oder Paddockflächen nicht immer bieten kann, hat man mit der Gestaltung von Totholzhecken (also z.B.. der Anhäufung von Baumschnitt zwischen eingeschlagenen Pfosten) oder einzelnen Knabberästen die Möglichkeit, seinen Pferden ein Stück ihrer Natur zurück zu geben. 

Ähnlich verhält es sich mit Möglichkeiten zur Fellpflege: Baumstämme sind ideale Schubberplätze. Ohne nutzbaren Baumbestand bieten an betonierten, stabilen Pfosten befestigte Bürsten oder Gumminoppen eine Alternative, die gern angenommen wird. Zum Wälzen ist ein weicher Sandboden das Optimum und kann insbesondere bei strategisch kluger Platzierung ebenfalls als Enrichment betrachtet werden. 

Apropos Platzierung: Beim Wasser scheiden sich die Geister ein wenig. Ein Stück weit von den Futterstellen entfernt kann es durchaus als Bewegungsanreiz eingesetzt werden. Einen Weg von etwa 100 Metern sehen die meisten Experten als angemessen an, von deutlich längeren Wegen wird hingegen abgeraten – es kommt vor, dass die Tiere dann nicht genügend trinken. 

Insgesamt ist ein ausgeklügeltes Wegenetz, das mehrere Futterstationen, Wasser, überdachten Liegebereich, Wälzplatz und mögliche weitere Elemente des Behavioral Enrichments miteinander verbindet wohl das Optimum der modernen Pferdehaltung. Beim Konzept des aus den USA stammenden “Paddock Trail” ist sozusagen der Weg das Ziel. Natürliche Hindernisse wie beispielsweise Baumstämme, Kletterhügel sowie unterschiedliche Untergründe sorgen hierbei ebenso für Abwechslung wie der Track selbst, der etwa durch Ein-Wege-Tore oder alternative Streckenabschnitte deutlich reizvoller für die Pferde ist, als ein rechteckiger Auslauf. Durchaus erstrebenswert… 


Paddock Trail Birkenhof Wölling

Übersicht Padock- Trail Birkenhof Wölling

Raufe

Ein-Wege-Tor und Heuraufe 1

Trail zum WasserLiegehalle

Das Weg zum Wasser und die Liegehalle

Eine der Salz-Stationen

Eine der Salz- Stationen

Unser Kratzbaum

Unser Kratzbaum


Auch wenn ich zu 100% hinter der Idee des Paddock Trail stehe und das Konzept zentrales Element unserer Philosophie ist, bin ich nicht der Meinung, dass Pferde in anderen Haltungsformen ganz ohne Enrichment auskommen müssen. Denn auch auf konventionellen Offenstall-Paddocks und ja sogar für Boxenpferdelassen sich Bereicherungen schaffen. Bei uns am Birkenhof Wölling bieten wir der Boxengruppe im Winter beispielsweise zwei Heuboxen zwischen denen sie auf dem knapp 90 Meter langen Paddock pendeln können. Künftig wird ein Heu-Karussel ein zusätzliches Enrichment bieten und langsames Fressen bei langsamer Fortbewegung ermöglichen. Im Sommer führt ein Trail die Tiere zu den großen Koppeln und bei Bedarf zurück zu Tränke und Heuboxen auf dem Paddock.

Selbst in den Paddockboxen versuchen wir durch Trennung der Funktionsbereiche (Wasser und Liegeplatz innen, Heuraufe außen) für ein Mindestmaß an Bewegung zu sorgen. Gerade haben wir den außergewöhnlichen Fall, dass einer unserer Bewohner, der liebe Athos, für einige Wochen Boxenruhe benötigt, nachdem er eine OP hinter sich hat. Neben der großen Gitterraufebekommt er zur Abwechslung mal eine Portion loses Heu, mal ein engmaschiges Netz, mal eines mit weiten Maschen. Ab und zu hängen wir ihn ein mit Karotten und Heu bestücktes Körbchen in die Box, bei dem er sich ganz schön anstrengen muss, um an die Leckereien zu kommen. Von Frauchen hat er außerdem einen Spielball und einen Plastik-Kanister zur Beschäftigung bekommen und einmal am Tag gibt es frisches Knabberholz. Bisher hat er einenKratz-Besen auf dem Einzelpaddock zur Verfügung. Nachdem er aber eine eigene Lieblings-Schubberstelle im Türrahmen gefunden hat, bekommt er dort nun zusätzlich Bürsten oder Gumminoppen angebracht. 

Denn auch wenn Athos natürlich lieber mit den anderen raus gehen würde, versuchen wir ihm den Krankenstand so angenehm wie möglich zu machen. Wenn er wieder ganz gesund wird, darf er im Frühling in den Bewegungsstalleinziehen. Und dort wird sich wie am gesamten Hof 2016 noch einiges tun… Weil Enrichment uns genau so viel Freude bereitet wie unseren Vierbeinern!

Autorin: Jenny Pohl / Birkenhof Wölling

FLIKKA: Danke! Jenny für die Bereitstellung dieses sehr interessanten Blogbeitrags. Mehr Blogbeiträge von Jenny Pohl findet Ihr unter dem folgenden Link: BLÄTTERRAUSCHEN – BIRKENHOF-BLOG

28.02.2016 23:30
Border Bottom